Evangelische Kirchengemeinde Castrop-Rauxel-Nord

Kurzandacht für die Woche ab dem 29. März - Inspiration und Download

Ein Donnerstag vor sechs Jahren: Im Seminar für pastorale Ausbildung üben wir Stehen. Wir Vikarinnen und Vikare haben keine Probleme mit unseren Gelenken, Muskeln oder Sehnen und dachten bisher, wir könnten uns ganz gut auf den Beinen halten – aber unser Dozent sieht das anders. Wie wir hier zu stehen lernen, soll uns in Liturgie und Predigt helfen: Ein guter Stand unterstützt die Stimme und gibt ein sicheres Gefühl.

Also üben wir Stehen, pendeln zwischen den Füßen hin und her, federn in den Knien, strecken Rücken und Hals. Im guten Stand kann dich nichts umwerfen, sagt der Dozent. Wer meint, richtig zu stehen, soll sich melden. Die Anderen dürfen an ihnen rütteln und schubsen.

Was mir schlussendlich hilft, meinen festen Stand zu finden, ist aber in erster Linie weder das Pendeln noch das Federn oder Strecken, sondern ein Satz, den der Dozent ruft: Tobe, Welt, und springe – ich steh‘ hier und singe in ganz sich’rer Ruh!

Den Satz selbst kann ich in dem Moment nicht recht einordnen. Ein Kirchenlied, das weiß ich. Aber die Worte erreichen mich. Kraftvoll. Trotzend. Aufrichtend.

Später male ich die Noten zu diesen Worten male ab und hänge sie gut sichtbar in mein Arbeitszimmer.

Donnerstag letzte Woche: In Castrop-Rauxel-Nord üben wir Stehen. In unsicheren, unwirklichen Zeiten. Eine Presbyterin sagt: Wir müssen uns jetzt auf das Wesentliche besinnen. Hätte man mich letztes Jahr, letzten Monat gefragt, hätte ich immer gesagt: Das Wesentliche einer Gemeinde ist der Gottesdienst, auch das persönliche Gespräch, auch Gemeinschaft – in jedem Fall aber: Begegnung. Und Begegnung ohne Begegnung wäre mir unvorstellbar gewesen.

Gut, dass es den Konjunktiv gibt. Denn die letzten Tage haben gezeigt: Begegnung ist möglich, auch ohne sich gegenüber zu sitzen. Begegnung ist in bunten Umschlägen und Andachten, die an Kirchentüren geheftet und gepflückt werden. Begegnung ist in einem Anruf und der ehrlichen Frage: Wie geht es dir? Begegnung ist im Klang der Vaterunser-Glocke, die alle, die sie hören, an gemeinsame, kraftvolle Worte erinnert.

Nachdem ich das Vaterunser gebetet und die Glocke geläutet habe, fahre ich heim. Mein Fahrrad bringt mich durch die fast menschenleeren Aapwiesen Richtung Sonnenuntergang. Zu Hause angekommen, steige ich die Stufen hinauf, lege Schal und Schuhe ab, wasche meine Hände. Im Arbeitszimmer gehe ich vorbei an dem Bild jener Notenlinie zu kraftvollen, trotzenden, aufrichtenden Worten. Ich öffne das Fenster weit, stelle mich sicher hin, sodass niemand mich umschubsen könnte, blicke auf die Freiheitstraße und singe – kräftig, trotzig, aufrecht: Der Mond ist aufgegangen. Alle Strophen. Meine liebste dieser Tage kommt zum Schluss: So legt euch, Schwestern, Brüder, in Gottes Namen nieder – kalt ist der Abendhauch! Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen, und unsern kranken Nachbarn auch.

Und dann atme ich tief den kalten Abendhauch, schließe das Fenster und murmle: Tobe, Welt, und springe – ich steh‘ hier und singe in ganz sich’rer Ruh! Dass Sie ebenso kraftvolle Worte in sich tragen, die Sie sicher stehen lassen – dazu helfe Ihnen Gott. Amen.

 

Gebet

Gott,

Ich danke dir für jede Begegnung.
Für jedes liebe Wort, für jede gute Nachricht, für jedes ermutigende Lied.

Ich bitte dich: Lass mein Herz singen, auch wenn alles um mich schweigt.
Lass meine Füße sicher stehen, meinen Blick weit schweifen, mein Haupt erhoben sein.
Schenk du Worte und Gedanken und Gesten – für mich und Andere.
Schenk Vertrauen und Mut und Hoffnung. Amen.

Hinweis zur Wochenandacht

Im Download auf dieser Seite können Sie die Andacht im pdf.-Format als Extra-Ausgabe des Gemeindebriefes herunterladen. Zusätzlich zum Text der Andacht finden Sie darin noch andere Informationen, sowie einen Ablauf zur Feier eines kleinen Gottesdienstes rund um den Andachtstext zu Hause.